Stadt Lübbecke

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22.11.2005

Vergessene Schätze: Das Nagelbuch der Stadt Lübbecke

Im Oktober diesen Jahres wurde dem Museum der Stadt Lübbecke ein Porzellanteller übereignet, der sich in Privatbesitz befunden hatte und an das erste Kriegsjahr 1914/15 erinnert. Es handelt sich um einen Gedenkteller aus der Zeit Kaiser Wilhelms II., der in konservativen Bürgerhäusern einen Ehrenplatz in den Vitrinen hatte oder schlicht als Wandschmuck diente. Im Blickpunkt des Betrachters und in diesem Falle in Tellermitte stehen die kaiserlichen Portraits zweier Kaiser, Wilhelms II. und Franz Josephs I. Martialisches und uniformiertes Auftreten hatte damals, wie es auch in den Porträts zum Ausdruck kommt, einen hohen öffentlichen Stellenwert. Patriotische Feste gehörten zum Jahresablauf. Eines der Feste war des letzten deutschen Kaisers Geburtstag am 27. Januar. Aus diesem Anlass trafen sich die Lübbecker Honoratioren im Hotel Wiemer, besser bekannt als Deutsches Haus. Am 27. Januar 1914 hielt Landrat v. Ledebur hier die Festansprache. In Vorahnung des Krieges und in patriotischem Pathos tönte der Landrat: "Die Ehre der Armee ist unserer Ehre, die ungeschwächte Macht des obersten Kriegsherrn ist unsere Stärke."

Es verwundert wenig, die Abbildung Paul von Hindenburgs, des damals bewunderten Siegers von Tannenberg, auf dem unteren Tellerrand zu finden. Die Persönlichkeit Hindenburgs sollte nach dem verlorenen Krieg die politische öffentliche Meinung in den konservativen Zirkeln maßgeblich beeinflussen. Am Tag von Potsdam machte Hindenburg Hitler im konservativ-bürgerlichen Milieu und in Offizierskreisen salonfähig.

Auf dem oberen Tellerrand ist das Porträt des Kapitänleutnants Otto Weddigen, ebenfalls ein damals bewunderter Kriegsheld, zu sehen. Über seinen Kriegsruhm hinaus war er von lokaler Bedeutung. Weddigen, gebürtig aus Herford, ging nach seinem Schulabschluss am Herforder Friedrichs-Gymnasium zur Kaiserlichen Marine. Die ersten U-Boote waren zu seiner Zeit einsatzbereit. Weddigen erhielt 1911 das Kommando über eines dieser Boote. Seine spektakuären Kriegserfolge machten ihn zu einem der bekanntesten und hoch dekorierten Kriegshelden. Am 18. März 1915 wurde sein U-Boot von einem englischen Schlachtschiff gerammt und versenkt. Über sein Tod hinaus blieb er im lokalen Bereich der Herforder Stadtgeschichte eine bekannte und geachtete Persönlichkeit.

Die auf dem Gedenkteller dargestellten vier Persönlichkeiten werden von zwei Eichenlaubkränzen, einem inneren und einem äußeren, umrahmt, eingefasst mit den symbolträchtigen Flaggenfarben schwarz-weiß-rot und schwarz-gelb. Unbewusst wurde so die damals bekannten patriotischen Gesänge ins Gedächtnis gerufen wie der feierlich vorzutragende Gesang "Heil dir im Siegerkranz, Herrscher des Vaterlands, Heil, König dir!" oder die "Wacht am Rhein" mit der Anfangszeile "Es braust ein Ruf wie Donnerhall wie Schwertgeklirr und Wogenprall".

"Aus großer Zeit" lautet die obere Inschrift auf dem Teller, unter den kaiserlichen Porträts heißt es weiter "Weltkrieg 1914-15". Es herrschte noch der Glaube, dass die Kriegstechnik beherrschbar sei und der Krieg sich in wenigen Monaten dem Ende zuneigen würde. Die täglichen Siegesmeldungen, als Telegramm ausgedruck und ausgehängt im Schaufenster der Werneburgschen Buchhandlung in der Langen Straße, sollte die Bevölkerung in ihrem Glauben an den Sieg bestärken. Außerdem bot die Werneburgsche Druckerei Landkarten zum Kriegsgeschehen an. Dazu gab es Fähnchen, mit denen man den Frontverlauf abstecken konnte. Der patriotische Überschwang erhielt im patriotisch ausgerichteten Lübbecker Bürgertum einen Dämpfer, nachdem bekannt wurde, dass der Sohn des Fabrikanten Carl Vogeler, Fahnenjunker Hermann Vogeler, am 20. August 1914 "im Alter von 19 Jahren den Heldentod fürs Vaterland bei einer Attacke gegen die Russen" getötet worden war . Vor seinem Tod hatten die Veteranen des Kriegervereins in Lübbecke Umzüge veranstaltet und sich an den angeblichen Siegen "auf dem Feld der Ehre", wie es damals hieß, berauscht. Mit von der Partie war der Lübbecker Pfarrer Güse, der Feldgottesdienste veranstaltete. So fand am 31. August ein Feldgottesdienst auf dem Marktplatz statt, zu dem sich eine patriotische gesinnte Bürgerschaft zusammengefunden hatte. Nach dem Gesang "Nun danket alle Gott" predigte Güse unter dem Spruch "Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein?".

Zu den Erinnerungsstücken des ersten Kriegsjahres gehört auch das im Museum ausgestellte Nagelbuch. Am 3. August 1914 waren auf dem Marktplatz Lübbecke die Pferde gemustert worden, die für den Einsatz im Kriege geeignet erschienen. Die Dienst pflichtigen Soldaten hatten sich in den Kasernen einzufinden. Verlobte hatten zuvor noch schnell den Bund fürs Leben geschlossen. Es gab tränenreiche Abschiedsszenen im festen Glauben, der Krieg sei in wenigen Wochen zu Ende. Das Deutsche Rote Kreuz rief Männer und Frauen dazu auf, sich als freiwillige Sanitätshelfer zu melden.

An diese Zeit des Umbruchs erinnert das genannte Nagelbuch. Im Jahre 1914 ging bei der Stadtverwaltung Lübbecke der Aufruf aus Berlin ein mit der Bitte, eine Stiftung zu Gunsten der Kriegerwitwen und Waisen ins Leben zu rufen. Unverzüglich kam der Lübbecker Stadtrat der Bitte nach und vergab den Auftrag zur Fertigung eines "Nagelbuches". Hierbei handelte es sich um einen hölzernen aufklappbaren Kasten mit den Maßen 84 cm x 60 cm x 16 cm, der einem Buchformat nachempfundenen wurde und auf dem Deckel die Inschrift "Ihren gefallenen Söhnen - Die Stadt Lübbecke " trägt. Sonntags konnten schwarze, silberne oder goldene Nägel im Rathaus gekauft und in den hölzernen Buchdeckel eingeschlagen werden. Der Erlös kam hauptsächlich den Hinterbliebenen der im Kriege gefallenen Lübbecker Soldaten zu Gute. Aber auch an die Stiftung in Berlin wurden Beträge abgeführt. Darüber hinaus erwarb die Stadt Lübbecke, ebenso wie der Vaterländische Frauenverein, für einen Teil des eingenommenen Geldes Kriegsanleihen, die bei Kriegsende allerdings nicht mehr das Papier Wert waren, auf dem sie gedruckt worden waren.

Das Lübbecker Nagelbuch legt Zeugnis davon ab, wie die örtlichen Kaufleute, Vereine und Privatpersonen dem Aufruf gefolgt sind, Kriegswitwen und -waisen zu unterstützen. Vereine wie der Männer-Turnverein, der Männer Gesangverein, das Schützen-Offiziers-Corps, die Freiwillige Feuerwehr, der Vaterländischer Frauenverein, der Krieger Verein, der Lehrer Verein und die Kaufmännische Fortbildungsschule folgten dem Aufruf. Fabrikant Carl Vogeler war einer jener Bürger, die gleich zu Beginn der Aktion eine hohe Geldsumme gestiftet hatten. Ihr Patriotismus ließ keinen Gedanken daran aufkommen, dass Deutschland nicht auf der Siegerseite stehen könnte. In der Presse reihte sich eine Siegesmeldung an die andere. Auch die Kirchenglocken wurden bemüht, um die vermeintlich herrlichen Siege einzuläuten. Die hinter den Kämpfen stehenden menschlichen Tragödien und die unfassbare Zahl der Opfer traten erst allmählich in das öffentliche Bewußtsein, führten teilweise zur Apathie und mündeten schließlich in dem Wunsch, endlich mit dem sinnlosen Kämpfen aufzuhören. Trotzdem hielten bornierte erzkonservative Zirkel an der Auffassung fest, der Krieg hätte gewonnen werden können, wenn die kriegsmüde zivile Gesellschaft nicht die öffentliche Moral untergraben und die notwendige Hilfe versagt hätte. Die folgenschwere Dolchstoßlegende wurde in die Welt gesetzt.

Einen hohen öffentlichen Stellenwert hatte damals der im Nagelbuch verzeichnete Vaterländische Frauenverein, dessen Gründung in das Jahr 1879 zurückreicht. In seiner Satzung heisst es: "1. In Kriegszeiten übt er, unter Oberleitung des Preussischen Landesvereins vom Roten Kreuz, Fürsorge für die im Felde Verwundeten und Erkrankten. 2. In Friedenszeiten beteiligt er sich, abgesehen von der Vorbereitung seiner Kriegstätigkeit, bei Linderung ausserordentlicher Notstände in allen Teilen des Vaterlandes, stellt sich aber als dringendste Aufgabe die Beseitigung und Verhütung wirtschaftlicher und sittlicher Not in seinem Bezirke." Erstes Vorstandsmitglied war "Frau Sanitätsrat Dr. Müller zu Lübbecke". Der damalige Bürgermeister Pütz wurde als zweites Vorstandsmitglied geführt. Pütz hatte bereits im März 1915 als Schatzmeister des Vereins fungiert und als solcher 1.400 Mark aus dem Sparguthaben des Vereins in Kriegsanleihen angelegt.

48 Jahre nach der Proklamation Wilhem I. zum Deutschen Kaiser spielte der Ort Versailles 1919 erneut eine weltpolitisch bedeutende Rolle. Dort tagten die Repräsentanten der Siegermächte des Ersten Weltkrieges und schrieben im Versailler Vertrag fest, dass Deutschland die alleinige Kriegsschuld trage. Deutschland wurde zu wirtschaftlich nicht vertretbaren Reparationszahlungen gezwungen, die in dem wirtschaftlichen Ruin der Inflationszeit mündeten.

Lübbecke, 2. Januar 2006