Stadt Lübbecke

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Das Jubelfest der Lübbecker Schützen im Jahre 1892

Das Jahr 1892 war im Reigen der Schützenfeste ein besonderes Jahr. Nach Meinung von Bürgermeister Lüders und des Schützenoffizierscorps stand ein Jubiläum an, „400 Jahre Schützenfest in Lübbecke“. Mit der Zeitrechnung hatte es folgende Bewandtnis. Bei den Altakten der Stadt war man auf eine Akte gestoßen, in der sich die Abschrift einer Urkunde befand, die sich auf das Schützenwesen des Jahres 1492 bezog. Die Beurkundung enthielt die Datumszeile „da man schreff [als man schrieb] dusent verhundert zwe und negentich Am Sontage Johanniß Babtiest[ae] mydden sommer“. Es war also auf einen der Festtage zu Ehren des Täufers Bezug genommen worden. Gemeint ist der 24. Juni. Es war die Zeit, die Schützenmeister zu erwählen, wie der Vorgang beim Schützenfest damals gewöhnlich genannt wurde. Dem Original, das vermutlich beim Stadtbrand von 1705 zerstört worden war, war das große Stadtsiegel angehängt gewesen. Es handelte sich also um einen wichtigen Rechtsvorgang. Die Beziehung der neu eingeführten Radbüchsenschützen zum Rat der Stadt musste geklärt werden. Sobald der neue Stadtrat am Dreikönigstag (6. Januar) gewählt war und der Bürgermeister sein Amt angetreten hatte, wurden die Schützen vor dem Rat verpflichtet, seinen Anordnungen Folge zu leisten. Die Waffen, die Bremer Radbüchsen, waren nicht Privateigentum, sondern Eigentum der Stadt. Sie wurden vom Rat in Verwahr genommen, im Rathaus eingelagert und bei Bedarf ausgegeben. Zum eigentlichen Schützenfest äußert sich die Urkunde nicht. Das war auch gar nicht nötig. Das Fest gehörte zu dieser Zeit bereits zum traditionellen Brauchtum der Bürgerschaft.

Schützenfest um 1926. Rechts im Bild ein Teil der Galerie.Waffenausgaben sind im Lübbecker Stadtbuch eingetragen. Mit folgender Bemerkung wird die Ausgabe vom 3. Juni 1608 eingeleitet: „Nachbeschriebene Borgere haben die Musketten [schwere Handfeuerwaffen] vorm Raathause entfangen und angelobt vor guter hut zu halten und uff erfurdere [nach Aufforderung] widder [wieder] einzustellen“, d.h. dem Rathaus zur Aufbewahrung wieder zurückzugeben. Das war notwendig. Es sollte vermieden werden, dass bei privaten Streitfällen zu den städtischen Waffen gegriffen wurde. Auch das Schießpulver wurde mit den Waffen ausgegeben. Wo es gelagert wurde, darüber schweigt sich die Quelle aus. In der Waffenausgabe vom 3. Februar 1623 heißt es beispielsweise für Johann Schnute, der im Verteidigungsfalle Stellung hinter Grappendorfs Hof am Niederwall auf der Stadtmauer zu beziehen hatte, dass er „2 Musketten 2 streng [Strang] Lunten halb Pfund Pulver“ empfangen hatte.

Feste soll man feiern, wie sie fallen. So auch das Schützenfest im angeblichen Jubiläumsjahr 1892. Die letzte Vorbesprechung fand am 10. Juni im Saale des Gasthofes Wellmann an der Langen Straße statt. Vor allem ging es um den geplanten historischen Festzug und die endgültige Platzierung der historischen Gruppen. Anfang und Ende des Zuges sollte den Schützen vorbehalten sein. Schließlich war es ihr Fest.

Der `Graf vom Reineberg` mit Gefolge, 1892Am 17. Juli, einem Sonntag, war es soweit. Der Festzug sollte der Öffentlichkeit präsentiert werden. Die Fensterplätze waren ausgebucht. Morgens früh um 7 Uhr war allgemeines Wecken, die Reveille, angesagt mit Trommelwirbel und Trompetenschall. Nach einem guten Frühstück gestärkt, warfen sich die Schützen in ihre Monturen. Allmählich füllte sich der Marktplatz, wo die Kapelle der Feuerwehr das Fest mit dem Choral „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“ einleitete. Sammelplatz der Schützen war der Platz am Westerwall vor der Tappernat. Dort hatte in früheren Zeiten ein Eckturm der Lübbecker Stadtbefestigung gestanden. Heute stimmt die Lokalität mit dem Grundstück der Volksbank überein. Die Teilnehmer des historischen Festzuges versammelten sich auf dem Marktplatz. Hier wie auf dem Westerwall hatten sich die Schaulustigen eingefunden. Mittelpunkt  der neugierigen und bewundernden Blicke auf dem Marktplatz war der Graf vom Reineberg, in Panzerrüstung auf einem Schimmel reitend. Darsteller war der Provinzialwegemeister Weidel, der sich eindrucksvoll in Szene zu setzen wusste. Nur der Auftritt hatte einen Haken. Einen Graf vom Reineberg hatte es nie gegeben. Man hatte die Lokalgeschichte großzügig ausgelegt. Um den „Grafen“ hatte sich das ritterliche Gefolge aus der Burgmannschaft versammelt, was der „Graf“ sichtlich genoß  und ihn in seinem geschichtlichen Auftrag bestärkte. Das auf den Straße wartende Publikum wollte ein farbenfrohes Massenspektakel sehen, und das wurde reichlich geboten. Die historischen Kostüme stammten aus einem Berliner Verleih. Hier hatte man 600 Mark auf den Tisch legen müssen. Die Summe war nicht schwer aufzutreiben gewesen. Spenden waren reichlich geflossen.

Der Festzug wurde von Kommandeur Ludwig von Waldthausen und seinen beiden Adjutanten Vogeler und Osthoff angeführt. Nach der Zylinder-Kompanie folgten die Herolde und vier Fanfarenbläser in Wämsern und Beinkleidern, die unbekannten Vorbildern nachempfunden, jedoch angenehm anzuschauen waren. Mit Fanfarenstößen kündigten sie den Bürgermeister und die Stadträte an, die in mittelalterlicher Amtstracht gewandet, gemessenen Schrittes am staunenden Publikum vorbeigingen, huldvoll nach allen Seiten grüßend. In bunter Folge gab es Landsknechte und die „Langen Kerls“ des Soldatenkönigs zu bestaunen. Ein Marketenderwagen rumpelte vorbei, beladen mit Würstchen und Brötchen für den nachfolgenden Schmaus auf dem Platz am Schützenhaus. Begleitet wurde der Wagen von zwei beleibten Marketendern. Wie die „Lübbecker Kreiszeitung“ später berichtete, gab es noch eine liebliche Marketenderin zu Pferde, die „schmeichelnde Grüsse nach allen Seiten spendete“. Dann ging es Richtung Bergertorstraße und weiter über den Wilhelmsplatz zum Schützenhaus, wo eingedeckte Tische und Bierfässer der Brauerei Barre auf die durstigen Kehlen der Schützenbrüder warteten. An und in der Galerie, einer Folge von überdachten feststehenden Verkaufsständen, hatte man alle Hände voll zu tun, das Publikum mit Getränken zu versorgen.

Bevor am nächsten Tag das Fest auf dem Schützenplatz fortgesetzt werden konnte, versammelten sich Schützen und Bürger auf dem Westerwall, wo sich die Schützen, nachdem sie die Könige, Fahnen und Ehrengäste abgeholt hatten, zum abschließenden Festzug formierten, der auf dem Marktplatz endete. Hier war für die Ehrengäste eine Tribüne errichtet worden, auf der der Mindener Regierungspräsident v. Pilgrim, der Lübbecker Landrat v. Oheimb und Gastgeber Bürgermeister Lüders Platz nahmen. Der Landrat ließ in seiner Festrede „400 Jahre Geschichte“ Revue passieren, wobei er Lübbecke als treu dem Herrscherhaus ergebene Stadt pries. Vom Marktplatz aus ging es in gewohnter Marschordnung mit bürgerlichem Gefolge zum Schützenplatz, wo die Landsknechte ein Feuer entfacht hatten, um in einem großen Kessel eine stärkende Suppe mit „erbeutetem Fleisch“ anzurühren. Bekannte wurden begrüßt. Die Damen führten ihre neuen Sommerkleider vor. Klatsch und Tratsch wurde ausgetauscht. Plötzliche Böllerschüsse kündigten das entscheidende Ereignis an. Auf dem Schießstand am Weingarten war die Entscheidung gefallen. Sekretär Nollkämper und Zigarrensortierer Maas waren Schützenkönige geworden.

Aufgestellt zum Gruppenfoto mit dem Bierglas in der Hand, um 1926Die Machtfülle früherer Zeiten, als die Schützenmeister noch Bindeglied zwischen Bürgerschaft und Rat waren und in alle wichtigen Entscheidungen der Stadt eingebunden waren, war keinem der Anwesenden mehr bewusst. Der Abend wurde mit einer Polonaise unter den Eichen auf dem Schützenplatz beschlossen. „Die alte Linde [auf dem Reineberg] mag verwundert ihr Haupt ob der frohen Jubelfeier geschüttelt haben, zumal wenn sie ihres alten Burggrafen ansichtig wurde“, hieß es wenige Tage später geheimnisvoll im „Lübbecker Kreisblatt“.

Lübbecke, 17. Juni 2009

Die Darstellung ist dem demnächst erscheinenden Band „Aus der Geschichte des Lübbecker Rathauses mit Ausblick auf den Marktplatz“ entnommen.

Autor: Stadtarchivar Helmut Hüffmann 

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