Stadt Lübbecke

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Ein Schnatgang um die Lübbecker Bürgerjagd

Am 27. August 1819 verfügte die Regierung Minden auf Veranlassung des Rahdener Landrates von dem Bussche die Verpachtung der Lübbecker Bürgerjagd. Der Landrat hatte in ein Wespennest gestochen. Die Bürger waren außer sich und pochten auf ihre verbrieften Rechte. Alle seit 1581 ergangenen Rechtsentscheide wurden dem Oberlandesgericht Paderborn vorgelegt – ohne Erfolg. Schließlich wandten sich die Bürger direkt an Justizminister v. Kircheisen in Berlin. Das Beharren auf alten "Gerechtsamen" (Rechten) führte zum Erfolg, den auch einige juristische Winkelzüge des Rahdener Landrates nicht verhindern konnten. „Das Recht der Bürger in der Feldmark und dem Berge zu jagen, ist so alt, als die Stadt selbst“, bemerkte Bürgermeister Wilmanns 1835, als Domherr Freiherr Carl von der Recke auf Obernfelde sich wieder einmal über die Bürgerjagd erregte. In seinen Augen war die Jagd eine Standesangelegenheit und nur dem Adel vorbehalten. Wieder einmal wurden Gerichte bemüht. Wieder einmal wurde die Rechtmäßigkeit der Bürgerjagd bestätigt.

Während der Auseinandersetzungen in den Jahren 1819 – 1824 drangen die Lübbecker Bürger auf einen Schnatgang, der protokollarisch festgehalten werden sollte. Außerdem sollte eine Karte angefertigt werden. Das Protokoll, angefertigt von Bürgermeister Kind, ist von außergewöhnlicher Genauigkeit. Nicht nur Wege, Schlagbäume und Haltepunkte sind festgehalten, sondern auch persönliche Begegnungen, Beobachtungen und die Einflüsse der Witterung.

Am 30. Oktober 1823 morgens um 8 Uhr fanden sich folgende Bürger vor dem Westertor ein:

  • Carl Dietrich Ludwig Brüggemann,
  • Friedrich Wilhelm Busch,
  • Geometer Rudolph Overmeyer (Mitglied des königlichen Eichamtes Lübbecke),
  • Verwalter Clamor Hartmann,
  • Kaufmann Carl Meyer,
  • Klempnermeister Friedrich Latorf,
  • die Förster und Flurschützen Marmelstein und Weddingfeld sowie
  • der Bürger Friedrich Masseick.

Letzterer führte die Messgerätschaften mit sich. Vertreter der nachwachsenden Generation durften nicht fehlen. Sie sollten den Schnatgang mit wachem Sinn verfolgen und in ihrem Gedächtnis bewahren. Hierbei griff die ältere Generation zu pädagogischen Maßnahmen, die in gebildeten Kreisen als verfehlt angesehen wurden. Folgende Bürgersöhne waren zum Schnatgang verpflichtet worden:

  • Friedrich Ludwig Busch (14 Jahre),
  • Dietrich Ludwig Lücker (13 ½ Jahre),
  • Georg Heinrich Frese (13 ½ Jahre) und
  • Dietrich Moritz Barre (12 ½ Jahre)

Schnatgang BürgerjagdDas Wetter zeigte sich an jenem Morgen von der unfreundlichen Seite. Es herrschte trüber Nebel. Ein wenig lustlos setzte sich die Gesellschaft in Bewegung. Vom Westertor aus nahm sie ihren Weg zur Liemschen Straße. Ihr erstes Ziel war das Gut Obernfelde. „Am faulen Steg“ vor dem Gut wurde haltgemacht. Overmeyer begann mit seinen Vermessungen, denn besondere Vorsicht war geboten. Hier begann der Obernfelder Gutsbezirk, ein für die Bürger "exemtes" (rechtlich ausgegliedertes) Gebiet. Nachdem die Vermessungen abgeschlossen waren, ging es ein kleines Stück über den Fahrweg hinaus zum Waldrand, bis Spellmeiers Garten erreicht war. Hier wurde Rast gemacht und eine kleine Erfrischung eingenommen. Danach wurde die Grenzbegehung schwierig. Die Höfe auf „Vierlinden“ nahe dem Gut mussten „begangen“ werden. In dem „Zick-Zack“ der Grenze konnte sich nur ein Kenner zurechtfinden. Es wurden Handzeichnungen angefertigt, es wurde vermessen und aufgeschrieben. Auf dem Hof Brinkhoff, Obermehnen 83, machte die Gesellschaft eine Frühstückspause. Bevor das leibliche Wohl zu seinem Recht kam, erhielt jeder der vier Jungen eine Ohrfeige, damit das bisher Gesagte und Geschehene im Gedächtnis haften blieb.

Anschließend wurden die Waldungen oberhalb des Gutes in Augenschein genommen und die Besitzanteile ausführlich beschrieben und erklärt. Einen Grenzpunkt zwischen dem Lübbecker und dem Obermehner Bergteil dürften die Jungen nie vergessen haben. Hier wurde „das Cadaver eines abgestreiften Fuchses am Baum hängend befunden“. Die Lübbecker Jäger dürften ihn Tage vorher ausgehängt haben.

Weiter ging es den Berg hinauf an noch blühender Heide vorbei. Trotz der vorgerückten Jahreszeit wurden noch „Bixebeeren“ (Blaubeeren) gefunden. Moritz Barre musste einen derben Scherz über sich ergehen lassen. Sein Gesicht wurde mit „Bixebeeren bestrichen“, so daß er ein „türkisches Aussehen“ erhielt. Während die Gesellschaft dem nächsten Ruhepunkt zustrebte, machten derbe Scherze die Runde. Am „Böhneschen Bergteil“, wo die „Bouteillen“-Eiche gestanden hatte, stand ein mit Kalkstein beladener Wagen. Die Steine waren für einen Kalkofen in Häver bestimmt. Die Pferde waren ausgespannt worden, um einen anderen leeren Wagen den Berg hinaufzuziehen. Regen setzte ein. Einige Teilnehmer flüchteten sich unter den abgestellten Wagen. Trotz des schlechten Wetters hatten sich Tischler Boehne und Bäcker Lücker eingefunden. Lücker hatte seinen kleinen Sohn mitgebracht. „Es wurde hier zum Andenken an den heutigen Tag eine aus des Bürgers Carl Dietrich Ludwig Brüggemann Bergteil gerodete Eiche gerade an der Grenze am Böhneschen Bergtheile gepflanzt“. Das Einsetzen besorgten die Jungen. Zur besonderen Erinnerung erhielt jeder eine Ohrfeige. Auch der zehnjährige Sohn des Bäckers musste einen Backenstreich einstecken. Während die Jahreszahl mit einem „B“ für „Bürgerjagd“ in die Rinde geschnitten wurde, machte ein Umtrunk die Runde. Es wurde auf das Wohl Seiner Majestät König Friedrich Wilhelm III., auf das Wohl aller wohlgesinnten Untertanen und das der Lübbecker Bürger getrunken.

Vergnügt und äußerst munter setzte die Gesellschaft ihren Weg fort. Am „Magistratsholz“ und dem angrenzenden Lübbecker „Pastorenholz“ wurde haltgemacht und bei dem Bauern Berger vorgesprochen. Der 19 Jahre alte Sohn des Bauern übernahm die Grenzführung. Zum Dank wurde ihm ein „Trunk Branntwein“ gereicht. Weiter ging es am Kassebaumschen Hof vorbei zum „Bergerschen“ Schlagbaum. Hier erwies sich Bäcker Lücker als zielsicherer Schütze. Unter den bewundernden Blicken der Jungen schoß er einen vorher bezeichneten Ast aus einem Baum. Die Bürger Marmelstein und Meyer wollten nicht zurückstehen. Auch sie erwiesen sich als treffsichere Schützen. Der junge Friedrich Busch sah hier die Gelegenheit, die Aufmerksamkeit der Älteren auf sich zu ziehen. Zum Erstaunen aller vergrößerte er die Entfernung zum Ziel und schoß sicher in einen Baum am Kassebaumschen Kampe. Nachdem die Geschicklichkeit des jungen Schützen gebührend bewundert und beredet worden war, begab sich die Gesellschaft zum „Kleinen Pastorenholz“, das ebenfalls zum Jagdrevier gehörte. Hier wurde allen die „große Buche“ gezeigt, in die ein „B“ eingeritzt war. Nach etwa einer halben Stunde Weges war man an der Straße von Lübbecke nach Herford angekommen, genauer gesagt am Osthoffschen Bergteil oberhalb des Gerichtsplatzes.

Nach einer kurzen Erfrischung gingen Jäger und jugendliches Gefolge den Burgweg zum Reineberg hinaus, bis der Weg erreicht war, der in das Reineberger Amtshausfeld südlich des Wiehengebirges führte. Die Waldungen des Reineberger Hagens waren erreicht. Wegen der zahlreichen vorausgegangenen Streitigkeiten war die Grenzziehung in diesem Bereich nur zu gut bekannt. Hier trafen die Lübbecker den Baron v. d. Recke, der sich in Begleitung des Grafen v. Münster befand. Mit von der Partie waren die Obernfelder Jäger und ein Bediensteter. Die Obernfelder Jagdgesellschaft war im Begriff, vom Wurzelbrink her ein Sautreiben zu veranstalten.

Nachdem sich die Lübbecker von der Obernfelder Gesellschaft getrennt und am Höpkerschen Bergteil zwei gezeichnete Buchen inspiziert hatten, führte ihr Weg zur Wasserstraße, einer östlichen Begrenzung in unmittelbarer Nähe zur Bergstraße nach Herford. Es war inzwischen später Nachmittag geworden. Eine verhältnismäßig kurze Wegstrecke lag noch vor ihnen. Das ehemalige Reineberger Jagdhaus, der Schlagbaum vor dem Reineberger Hagen, der Papenkamp, die Tilkenbreite und der Armengarten waren beachtenswerte Haltepunkte, die in die künftige Karte aufgenommen werden sollten. Endlich waren die „Seekenkämpe“, der Endpunkt des ersten Schnatganges, erreicht. Der Tag sollte einen würdigen Abschluss nehmen. Die Bürger Hartmann, Meyer und Busch schossen zielgenau einen Ast aus einer Weide. Es war später Abend geworden, als die ermüdete Jagdgesellschaft durch das Ostertor in die Stadt zurückkehrte.

Am nächsten Morgen fanden sich die „Jagdfreunde“ vor dem Ostertor ein, um den Schnatgang fortzusetzen. Tischler Boehne und Verwalter Hartmann nahmen nicht teil. Hinzugekommen waren

  • Actuar Consbruch,
  • Tabakfabrikant Strothenk und
  • der Jäger Schneider.

Von den Jünglingen waren Georg Heinrich Frese und Dietrich Ludwig Lücker zu Haus geblieben. Neu hinzugekommen waren

  • Franz Lücker (14 Jahre),
  • Louis Busch (12 Jahre),
  • Wilhelm Detert (13 Jahre) und
  • Louis Lücker (13 ½ Jahre).

Die Gesellschaft brach in Richtung Gehlenbeck auf. Erneut wurden die „Seekenkämpe“ passiert, bis die ersten den Jägerbach erreicht hatten. Hier machte Bäcker Lücker einen Hasen aus, der bei dem verregneten Wetter „verfehlt wurde, indem das Pulver verbrannte“. Der Hase "drehte sich an der Jägerbache und Herr Brüggemann welcher mit einer Doppelflinte versehen, schoß mit dem rechten Lauf vorbei, weil das Pulver verbrannte und mit dem linken Lauf wurde der Hase tödtlich verwundet und der rechte Vorderläufer abgeschossen.“ Der Hund des Kaufmanns Meyer, den der Bäcker Lücker mitgenommen hatte, apportierte. Mit der etwas kärglichen Gelegenheitsbeute erreichten die Jäger die Wilmannsche Ziegelei, die in unmittelbarer Nähe des früheren Rittergutes Grappenstein lag. Hier wurde ein Frühstück eingenommen und auf das Wohl Seiner Majestät getrunken.

BürgerjagdAuf dem Weg zur „Hausstätte“ waren im Bereich des früheren Rittergutes Renkhausen verzwickte Grenzverhältnisse zu klären. Dieses Mal blieben die Jünglinge von den üblichen Ohrfeigen verschont. Über die Torfstraße ging es weiter zum Haus des Jägers Schneider, um das Mittagsbrot einzunehmen. Während gespeist wurde, drückte Brüggemann dem Franz Lücker die Doppelflinte in die Hand. Ein Ziel wurde ausgemacht. Franz zielte, schoss und traf. Eine beachtliche Leistung bei dem Gewicht der Flinte. Die Zuschauer erklärten anerkennend, dass Franz „ziemlich gut“ getroffen habe. Dann wurde die Mahlzeit fortgesetzt, ein Toast auf den König ausgebracht, wobei Wilhelm Detert die fällige Ohrfeige erhielt.

Frisch und munter und nach dem Alkoholgenuss gesprächiger als vorher setzten Jäger und jugendliches Gefolge den Weg über Gerlachs Wiese fort. An „Lohrmanns Feld“ wurde haltgemacht und daran erinnert, daß dieses Ackerstück ein Zuschlag aus der Lübbecker Flur „Richtepatt“ sei. In die spätere Karte sollte die Bezeichnung als „Lohrmanns Zuschlag“ eingetragen werden, damit das städtische Grundeigentum in Erinnerung bleibe. Der Schnatgang führte an den Höfen Büttemeyer, Vulriede, Grabenkamp und Hilker vorbei. Bemerkt wurde, daß eines „der beiden Vulrieden Häuser“ auf der Lübbecker Flur „Richtepatt“ erbaut worden sei. Nachdem der Jagdverein die Höfe beiderseits des Rahdener Weges hinter sich gelassen hatte, ging es fast geradlinig am Gestringer Feld vorbei. Ziel war das Gut Stockhausen, das wie Obernfelde dem Baron v.d. Recke gehörte. An Hagemeisters Hof führte der Schnatgang in Richtung Süden. Grenz- und Haltepunkt war der Schlagbaum vor dem Gut Stockhausen. Von hier aus ging es weiter über den Hof Blaue hinaus in die Wettlage, ein altes städtisches Flurstück. Hier bildete der Landwehrbach die Grenze. Drei Buchen im Grenzbereich zogen die Aufmerksamkeit der Jäger auf sich. Sie wurden Ziele eines Probeschießens. Fabrikant Strothenk wies den jungen Latorf auf die Besonderheit seines Schusses mit den Worten hin: „Fritzchen sühst du de Hehen wol blitzen de ik in den Ast schaten hewe?“[1]

Gut Obernfelde, Postkarte 1937Höfe kamen wieder in Sicht, die man am Tage vorher entweder gesehen oder besucht hatte, so der Ortsteil „Vierlinden“ auf Gut Obernfelde. Nachdem eine Erfrischung gereicht worden war, wollten die Teilnehmer zum letzten Male ihre Schießkünste unter Beweis stellen. Ärger mit dem Baron sollte vermieden werden. Grenzbäume boten sich als geeignete Ziele nicht an. Schließlich kamen die Jäger zu dem Schluss, die eigene Kopfbedeckung als Zielscheiben auszuhängen. Die von Kugeln durchsiebt, abends den auf Nachrichten begierigen Familien vorgeführt werden konnten.

Der Troß setzte sich bald wieder in Bewegung. Bald war das Flurstück „Der Schütting“ in der Nähe des Gutes Obernfelde erreicht.[2] Von hier aus war es nicht mehr weit bis zur Chaussee „In der Steinbeke“, die nach Osnabrück führte.[3] Von der „Steinbeke“ beschrieb ein Fußweg die Schnat bis zur Liemschen Straße, „wo die Jagd den 30ten October ihren Anfang nahm, und wo selbst noch beim Klange der Gläser auf das Wohl Sr. Majestät unsers Königs Friedrich Wilhelm III. so wie auch des Geheimen Cabinetts-Raths Albrecht und aller Jagdfreunde, die Gläser geleert, und der Rest der vorhandenen Getränke verzehrt wurde auch zur glücklichen Beendigung dieses Jagdgang Bezuges alle Gewehre abgeschossen wurden.“

Das Protokoll des Schnatganges wurde später vom Justizkommissar und Notar Carl Sigismund Kind den Teilnehmern vorgelesen, die die Richtigkeit des Notariatsinstrumentes besiegelten und schriftlich bestätigten.[4]

Lübbecke, 14. März 2011

 


[1] Eines der wenigen protokollierten Ausdrücke der niederdeutschen Umgangssprache in Lübbecke, wie sie auch im Geschäftsleben üblich war. Es gab ein unverwechselbares Lübbecker Idiom.

[2] August Lübben, Mittelniederdeutsches Wörterbuch, Darmstadt 1980, s. schutten. Wenn weidendes Vieh der Bürger Äcker des Gutes schädigte, konnte Obernfelde Strafgelder (Schüttengeld) erheben. Umgekehrt galt dasselbe Recht für die Stadt Lübbecke. Der Flurname verweist auf den Pfandstall, wo übergetretenes Vieh in Verwahr genommen wurde.

[3] Entspricht etwa dem Verlauf der Osnabrücker Straße.

[4] Helmut Hüffmann, Die Magistrats- und Bürgerjagd der Stadt Lübbecke. In: 80. Jahresbericht des Historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg.(Jg. 1992/93).

Autor: Stadtarchivar Helmut Hüffmann, Illustration und Karte vom Verfasser 

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