Stadt Lübbecke

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Zweimal Weihnachten 1947 und 1948

Als die britische Kontrollkommission im Oktober 1947 im „Taxhaus“, dem ehemaligen Finanzamt, an der Kaiserstraße im Dachgeschoß eine Ausstellung zur allgemeinen Situation in der britischen Zone präsentierte, kam es zu Diskussionen darüber, ob in der Nachkriegszeit bereits ein wirtschaftlicher Fortschritt erzielt worden sei. Tatsächlich zeigte sich ein Silberstreifen am Horizont. Die Arbeitslosigkeit war zurückgegangen. Verglichen wurde der Stand der derzeitigen industriellen Produktion mit  der Produktivität im Jahre 1936 , wobei das Vorkriegsjahr mit 100 % angesetzt war. Im Jahre 1946 war die Produktion in der britischen Zone auf  30% zurückgefallen. Im folgenden Jahr war sie auf 38 % angestiegen. Ein bescheidenes Wachstum hatte eingesetzt. Wer an der Ausstellung Interesse hatte, mußte einen Erlaubnisschein vorweisen können, der bei der zuständigen Stelle der Kommission in Herford zu beantragen war. In Lübbecke waren zu dieser Zeit 250 Privathäuser und einige öffentliche Gebäude wie das „Taxhaus“ von der Militärregierung beschlagnahmt. Der das Sperrgebiet einzäunende Stacheldraht war noch nicht abgebaut. Trotz aller polizeilichen Eingriffe blühte der Schwarzmarkt. Die Wirtschaftskriminalität hatte Hochkonjunktur. „Organisieren“ war angesagt, um auf mehr oder weniger legalem Wege, an Dinge zu kommen, die den täglichen Bedarf erträglicher machten. So waren in einem Lübbecker Geschäft Kleiderstoffe abhanden gekommen. Einem Bauern im Kreisgebiet war das Getreide vom Feld abgefahren worden. Diese Liste läßt sich beliebig verlängern.

Die Kaufmännische Angestellte Emma Goerke, die es bei Kriegsende von Tilsit nach Lübbecke verschlagen hatte, eröffnete 1946 im Haus Lange Straße 57 eine Tauschzentrale. Sie hatte bald alle Hände voll zu tun. So war es auch in der Zeit, als 1947das Weihnachtsgeschäft näherrückte. Was gab es bei leeren Geschäftsregalen nicht alles zu tauschen. Eine schier endlose Tauschliste tat sich auf. Ein Wintermantel und ein Radio wechselten den Besitzer. Ein Harmonium war für eine Steppdecke, ein Bügeleisen für ein Paar Schuhe zu haben.

In beschränktem Maße konnten in den Herbsttagen des Jahres 1947 alte Geschäftsräume, die von der Besatzungsmacht freigegeben waren, wieder benutzt werden. In der „Freien Presse“ vom 11. Oktober 1947 annoncierten die Friseure Gebrüder Bokeloh, daß sie in ihren Geschäftsräumen an der Bahnhofstraße wieder für die deutschen Kunden arbeiten durften. Vorher hatten nur Angehörige der Besatzungsmacht Zutritt gehabt. Außerdem konnten die Geschäftsräume des Damen- und Herrensalons ohne Paß, d.h. ohne Sondergenehmigung der Militärregierung, betreten werden. Das Haus lag in der beschlagnahmten Militärzone und  blieb vorerst teilbesetzt.

Die Angebote der Gasthäuser und Geschäfte waren zeitbedingt äußerst dürftig. Um gegen die winterliche Kälte des Jahres 1947 gerüstet zu sein, pries das Gasthaus zum Amtsgericht seine erstklassige Fleischbrühe an. In der Ausgabe der „Freien Presse“ vom 22. November wurde Schuhwerk angeboten, das ohne Bezugschein erworben werden konnte. Es handelte sich dabei um Hausschuhe mit Strohsohlen, angefertigt in der Strohschuhfabrik Gehlenbeck. Buchhandlung Hehemeyer bot ausländische Briefmarken an, und Goldschmiedemeister Rauner, Lange Straße, fertigte fugenlose Trauringe an, wobei das begehrte Edelmetall vom Kunden selbst zu liefern war. Und der Färbebottich für Uniformstoffe und Bauernleinen stand im Geschäft Bock im Scharrn bereit. Die Drogerie Kutschke, Lange Straße, sorgte sich um die Gesundheit ihrer Kunden und pries als Weihnachtsgeschenk ihre Heilerfolge mit Kräutertees an. Etablierte Lebensmittelgeschäfte wie Köhler, Bäckerstraße, und Wippermann, Lange Straße, verzichteten auf Geschäftsreklame. Mageres Angebot und Zuteilungszwang sorgten bei der Kundschaft und bei den Geschäftsinhabern gleichermaßen für Verdruß.

In der Mittelschule an der Jahnstraße gab es eine Kinderüberraschung der besonderen Art. Eine Vereinigung englischer Pfadfinderinnen hatte zusammen mit deutschen Wohlfahrtsverbänden zwei Weihnachtsfeiern für bedürftige Kinder aus Stadt und Kreis Lübbecke organisiert. Es gab reichlich gedeckte Tische unter einem festlich geschmückten Weihnachtsbaum in den Klassenräumen an der Jahnstraße. Mehrere Male erschien der Weihnachtsmann, um Geschenke zu verteilen. Zum ersten Mal in ihrem Leben konnten die geladenen Kinder auf der Leinwand dem amüsanten Treiben der Mickymaus zuschauen.

Es gab noch eine frohe Botschaft für die Lübbecker Bürgerschaft. Sämtliche Stadtteile von Lübbecke, die bisher als Sperrzone galten, waren im Dezember  1947 freigegeben und ohne Einschränkung zugänglich.

Das nächste Jahr brachte eine grundlegende wirtschaftliche Zäsur. Am 20. Juni 1948 wurde die D-Mark eingeführt. Jeder erhielt im Umtausch gegen Altgeldnoten 40 DM Startkapital sofort ausgezahlt. Im August wurden weitere 20 DM unter denselben Bedingungen ausgezahlt. Die Bankkonten wurden drastisch im Verhältnis 10:1 abgewertet, so daß ein wirtschaftlich vernünftiges Verhältnis zwischen Kaufkraft und Angebot bestand. Von einem Tag zum anderen gab es wieder sehenswerte Auslagen in den Schaufenstern, was lautstarken Protest auf der Langen Straße auslöste. In Lübbecke wurden einige Schaufenster nur verbal eingeschlagen, in Bünde war man da weniger zurückhaltend.

Nach der Währungsreform setzte auf den Trümmern des Zweiten Weltkrieges ein wirtschaftlicher Aufschwung ein, der in der Wirtschaftsgeschichte seinesgleichen suchte. Im November 1948 gab die Besatzungsmacht in Lübbecke erstmals beschlagnahmte Möbelstücke frei, und zwar in der Turnhalle der Jahn-Mittelsschule. Viele Lübbecker kamen in der Hoffnung, eines ihrer Möbelstücke wiederzuerkennen. Es gab reihenweise Enttäuschungen. Sesseln waren die Lehnen weggebrochen und das gute alte Sofa sah ziemlich zerfetzt aus. In Pr. Oldendorf hingegen war man froh, daß die Straßenbeleuchtung wieder funktionierte. Damit war für die Oldendorfer die Zeit der kriegsbedingten Dunkelheit endlich vorbei. Flüchtlingen aus den Ostgebieten und Evakuierten, vor allem aus dem Ruhrgebiet, die sich in den Abendstunden nur schlecht im Ort zurechtfanden, wurde in Oldendorf der Rat erteilt: „Bind däi ne Katten vor dat Knei.“ Man sollte sich also eine Katze vors Knie binden, um besser sehen zu können. Angespielt wurde auf das gute Sehvermögen der Katzen bei Nacht. Im Kino konnte man Ladenhüter bestaunen. In den Hüllhorster Lichtspielen im Hause Eggstein lief am 6. November 1948 „Die vertauschte Braut“ mit Anny Ondra, der Frau des Boxweltmeisters Max Schmeling. Und die Bürgerpark Lichtspiele in Lübbecke zeigten am 1o. November  in drei Sondervorstellungen: „Mit Büchse und Lasso durch Afrika“. Das deutsche Reisefieber kündigte sich an - vorest nur auf der Leinwand.  Das Reiseunternehmen des Dr. Degener, „Touropa“ , stand jedoch schon in den Startlöchern. Degeners Sonderzüge sollten nur wenige Jahre später in Lübbecke Station machen. Am 27. November 1948 machten Spilkers Bauernstuben, die vor 1945 gewöhnlich nach einem Kinobesuch aufgesucht wurden, auf sich aufmerksam. Das Lokal war von der Besatzungsmacht freigegeben und Spilker warb mit dem Spruch: „Spilkers Buernstuaben in Lübke wier oepn steit.“

Das Kaufhaus Carl Deerberg bot eine Spielwaren-Sonderausstellung an, und in der Drogerie Kutschke gab es zur Weihnachtszeit nicht mehr Kräutertees sondern Parfüm und Wein. Wilhelm Lückermann hatte in seinem Geschäft an der Langen Straße Tabakwaren und Raucherzubehör im Angebot. Da griff man nach der entsagungsvollen Zeit endlich mal wieder hemmungslos zum Glimmstengel. Geschäft Spindler, Lange Straße 46, sorgte sich um den bunten Weihnachtsteller. In reicher Auswahl gab es Honigkuchen Aachener Printen und Alpenbrot, was immer man darunter verstehen mochte. Und endlich gab es bei Spindler wieder weiße nicht tropfende Weihnachtskerzen.

Da die Rationierung noch nicht abgeschafft war und für viele notwendig war, um sich das Lebensnotwendige zu annehmbaren Preisen leisten zu können, blühte der Schwarzmarkt munter weiter. Er hatte sich in den Geschäften selbst eingenistet, wo unter Umgehung der Rationierung alles zu haben war, wenn man gut bei Kasse war und die überhöhten Preise akzeptierte.

Die Rationierung neigte sich ihrem Ende zu und besorgte Gemüter in den Regierungsstuben  machten sich bereits Sorgen um die künftige Preisgestaltung und sahen Deutschland bereits einem hemmungslosen Kapitalismus ausgesetzt. Wo sollte das hinführen, wenn man die gewohnte Reglementierung und Bewirtschaftung aufgab? Das kümmerte Otto Normalverbraucher herzlich wenig. Die Kauflust zu Weihnachten stellte 1948 und in den folgenden Jahren alles bisher Dagewesene in den Schatten. In der Adventszeit drängten sich Menschenmassen in der Langen Straße, um das nachzuholen, was ihnen lange verwehrt gewesen war.

Lübbecke, 20. Dezember 2005

Autor: Stadtarchivar Helmut Hüffmann 

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