Stadt Lübbecke

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Agathe Stille auf Renkhausen, milde Stiftungen und eine Kirchengründung

Im 19. Jahrhundert fielen Vermächtnisse zugunsten der Bedürftigen und Armen unter den Begriff “milde Stiftungen”. So wurde es auch in der Stadtverwaltung Lübbecke gehandhabt. Allgemein bekannt waren die Stiftungen Friedrichs und Holzmeyer. Friedrichs, gebürtig aus Lübbecke, stammte aus bescheidenen Verhältnissen und war in Berlin ein erfolgreicher Bauunternehmer geworden. Hier war er während der Gründerjahre nach dem Deutsch-Französischen Krieg zu einem ansehnlichen Vermögen gekommen. Seine Stiftung trat erstmals im Jahre 1888 in Kraft. Holzmeyer, gebürtig aus Oberbauerschaft, hatte sein Vermögen als Goldwäscher in den USA gemacht und war später nach einem wechselvollen Leben in seine westfälische Heimat zurückgekehrt. Seine “milde Stiftung”, 1867 testamentarisch festgelegt und 1873 eröffnet, bedachte Bedürftige im Kirchspiel Lübbecke, zu dem auch Oberbauerschaft gehörte.

Als die verwitwete Gutsbesitzerin auf Renkhausen Agathe Stille, geb. Heidsiek im Oktober 1874 im Alter von 69 Jahren verstorben war, war es für die Erben keine Überraschung, daß die Verstorbene für die Bedürftigen in Isenstedt und Frotheim ein Vermächtnis von 3.000 Taler ausgesetzt hatte. Das entsprach damals einem kleinen Vermögen von 9.000 Mark. Die Erblasserin hatte bestimmt, daß jährlich zum Weihnachtsfest der Zinsertrag von 2.000 Taler an Bedürftige zu verteilen war, wobei Arröder des Gutes zu bevorzugen waren. Mit Arrödern sind Gutsarbeiter gemeint, die mit ihren Familien in Nebenhäusern des Gutes, den Arröderhäusern, wohnten. Die Zinsen der restlichen 1.000 Taler waren dem ausgesetzten Kapital gutzuschreiben, und zwar so lange, bis ein Betrag von 8.000 Taler erreicht war, der als Armenfonds weiterzuführen war.  An diese Bestimmungen hatten sich die Ortsvorsteher von Isenstedt und Frotheim zu halten. Diese Auflagen zwangen die Vorsteher so sparsam zu wirtschaften, wie es die Erblasserin zeit ihres Lebens getan hatte.

Agathe Stille sah es als ihre Christenpflicht an, den Armen und Bedürftigen die nötige Hilfe zukommen zu lassen. Sie ließ es nicht bei den üblichen Zuwendungen zur Weihnachtszeit bewenden, sondern war in Notfällen immer bereit, persönlich die helfende Hand zu reichen. Das wußten besonders die Familien der Gutsarbeiter zu schätzen. Agathe Stille sorgte für eine solide Ausbildung ihrer Kinder, sei es in der Landwirtschaft oder im Handwerk. Besonders achtete sie darauf, daß die Mädchen eine angemessene Aussteuer erhielten und in den damals üblichen weiblichen Handarbeiten wie Spinnen und Weben sorgfältig unterrichtet wurden.

Agathe Stille war mit sparsamer Haushaltsführung von Kindesbeinen an vertraut. Im Lübbecker Haushalt ihrer Eltern, des Amtmannes Friedrich Heidsiek und seiner Frau Amalie, geb. Hagedorn, war sparsames Haushalten das Gebot eines jeden Tages gewesen. Nach der Eheschließung ihrer Tochter mit dem Kaufmann und Gutsbesitzer Carl Stille am 4. Juni 1826 ging die Führung des Gutshaushaltes Renkhausen an seine Frau über, die, dem Vorbild ihrer Eltern folgend, sparsames Wirtschaften in Küche und Keller auf Renkhausen zur Pflicht machte. Während Carl Stille seinen Geschäften als Kaufmann nachging, war seine Frau von morgens bis abends mit der Haushaltsführung beschäftigt. Hinzu kamen gesellschaftliche Verpflichtungen, die sich aus dem Beruf ihres Mannes ergaben. Tägliche Pflicht war die Führung des Haushaltsbuches, in dem sämtliche Ausgaben verzeichnet waren, um am Monatsende mit dem Budget abgeglichen zu werden. Für die landwirtschaftliche Seite und die damit verbundene Buchhaltung war der Rentmeister zuständig. So wurde es auch auf den umliegenden Gütern gehandhabt.

Nach dem Tod Carl Stilles am 24. Dezember 1854 lastete auf den Schultern der Witwe ein schweres Erbe. Die Jahre 1854 und 1855 waren wirtschaftliche Notzeiten. Die Ernte des Jahres 1855 war nur mäßig ausgefallen. Steigende Lebensmittelpreise waren die Folge. Außerdem wirkte der Krimkrieg  preistreibend, da der Handel mit Rußland ausgesetzt war. Bei steigenden Lebensmittelpreisen waren Arbeitslosigkeit, zunehmender Alkoholismus und Verelendung die unausweichlichen Folgen. Familienväter wußten oft nicht, wie sie ihre Familien über die Runden bringen sollten. Um einer Hungersnot vorzubeugen, vergab die Regierung verbilligtes Getreide. Agathe Stille gelang es, von ihrem Gutshaushalt die größte Not abzuwenden und darüber hinaus Hungerleidenden das Lebensnotwendige zukommen zu lassen. Sie sah es als ihre Pflicht an, Vorsorge zu treffen. Ein Vorbild war für sie die Stiftung des Obernfelder Pflegehauses, das 1856 eröffnet worden war. Es stellte sich jedoch als schwierig heraus, eine Diakonisse für die Führung eines solchen Hauses zu gewinnen. Diese Erfahrung hatte man auch schon auf dem Lübbecker Armenhof machen müssen. Schließlich wurde der Plan, auf Renkhausen ein Armen- und Pflegehaus einzurichten, aufgegeben.

Von den Mühen des Lebens gezeichnet, fühlte Agathe Stille, nachdem sie ihren 65. Geburtstag hinter sich gelassen hatte, daß ihr nicht mehr viel Zeit bleiben würde, um einen lang gehegten Plan Wirklichkeit werden zu lassen, nämlich die Gründung einer Kirche für die Gemeinden Frotheim und Isenstedt und Auspfarrung aus dem Gehlenbecker Sprengel. Dafür gab es drei gute Gründe.

  1. Für Alte und Schwache war der Fußweg nach Gehlenbeck kaum oder gar nicht zu schaffen.
  2. Trotz der 1836 in der Gehlenbecker Kirche eingerichteten zweigeschossigen Empore, herrschten, bedingt durch den Bevölkerunganstieg, beengte Sitzverhältnisse.
  3. Die Streusiedlungen im Gehlenbecker Kirchspiel und die häufig weiten Entfernungen zur Gehlenbecker Pfarre hatten zu einer unzureichenden seelsorgerischen Betreuung geführt.
Es war ein langer Weg bis zur Grundsteinlegung am 31. Juli 1878. Mit den zuständigen Behörden mußten Verhandlungen geführt werden. Am 16. September 1873 stiftete die Witwe Stille für den Kirchenbau und die Gründung einer Kirchengemeinde 90.000 Mark. Vorsorglich wurden ihr Enkel Carl Stille und ihre Tochter Marie, verheiratet mit dem Regierungsrat Süs, als Testamentsvollstrecker eingesetzt. Die Stiftung stand unter Vorbehalt. Die Stiftungssumme fiel an die Stifterin bzw. ihre Erben zurück, um einem anderen Zweck zugeführt zu werden, wenn die Errichtung einer selbständigen Kirchengemeinde nicht bis zum 31. Dezember 1875 erfolgt war. Nur der lebenserfahrenen Stifterin war es zu verdanken, daß am 10.September 1875  der erste Rechtsvorgang zur Gründung der neuen Kirchengemeinde Isenstedt-Frotheim beschlossene Sache war, die Auspfarrung der Gemeinden Isenstedt und Frotheim aus dem Gehlenbecker Kirchspiel. Die Stifterin sollte die Verwirklichung ihres Projektes nicht mehr erleben. Sie starb am 19. Oktober 1874 nachmittags um 1 Uhr auf Renkhausen an Altersschwäche. Die Kirche wurde am 27. Juli 1880 eingeweiht. Sie war an der von der Stifterin gewünschten Stelle erbaut worden.

Wie erzählt wurde, war der Kirchenbau von einem Visionär vorausgesehen worden. Es war der später nach Amerika ausgewanderte “Frömmler und Schwärmer” Karl Niermann, ein Heuerling, der von seinen Anhängern als neuer Johannes der Täufer gepriesen wurde. Er hatte Jahre vorher Orgelklang und Gemeindegesang an der Stelle gehört, wo später einmal die Kirche stehen sollte. Manche taten die Vision als “Spökenkiekerei” ab, denn die von Niermann bezeichnete Stelle war eine Gemeindewiese mit einem Teich, in dem die Schafe vor der Schur gewaschen wurden. Als die Vision Wirklichkeit geworden war, war es für die einen ein Glaubenszeichen des Himmels, für andere eine Vision, die ihre Umsetzung in die Realität nur dem Zufall verdankte, denn Niermann und seine Anhänger waren in ihren Augen Tagediebe, die es besser einmal mit ausdauernder Arbeit versuchen sollten.

Lübbecke, 28. November 2006

Autor: Stadtarchivar Helmut Hüffmann 

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