Stadt Lübbecke

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Zwei Linden, ein Spielplatz und eine Burg

Von Stadtchronist Helmut Hüffmann

Seit mittelalterlichen Tagen ist der Reineberg und seine wechselvolle Vergangenheit eng mit der Lübbecker Stadtgeschichte verbunden. Für Lübbecker Bürger war und ist es noch heute eine Selbstverständlichkeit, einmal einen Spaziergang zum Lübbecker Hausberg zu machen. Für Kinder und Jugendliche war er vor und zwischen den beiden Weltkriegen einmal ein Spielplatz so, wie sie ihn liebten, und das am besten ohne Aufsicht durch lästige Erwachsene. Heute wird so ein Spielplatz abgelehnt, weil zu gefährlich. Früher, wie es auch der Autor dieses Artikels bezeugen kann, zog der Reineberg Kinder und Jugendliche magisch an, und hier besonders die „tausendjährige“ Linde[1].

Das tatsächliche Alter des Baums war unbekannt. Mündlich überliefert war sie als Gerichtslinde. Linden waren einmal traditionelle Treffpunkte für Gerichtsverhandlungen. Eine solche örtliche Linde wird in einer gerichtlichen Auseinandersetzung zwischen dem Reineberger Amtmann Georg Deichmann und der Stadt Lübbecke im Jahre 1626 mit folgender Ortsbezeichnung erwähnt: „… unter der Linden für [vor] der Gerichts Stuben“ [2]. Der Baum stand furmb [vor dem] Ambthaus, also vor dem Amtshaus, dem Hauptgebäude der Burg. Nach dieser schriftlichen Aussage muss die Gerichtslinde auf der Hauptburg gestanden haben. Die mündlich überlieferte Linde als Spielplatz stand am Wall vor der Burg und kann demnach nicht als Gerichtslinde bezeichnet werden. Die Versammlung vor dem Amtshaus war am 20. April 1626 zwischen Dreyen und Vier Uhrennachmittags. Im Gerichtswesen war es zu jener Zeit üblich, die Lokalität genau anzugeben und zu beschreiben. Dazu gehörte auch die Uhrzeit.

In dem Streit zwischen dem Amt Reineberg und der Stadt Lübbecke ging es um das Besetzungsrecht des örtlichen Richteramtes[3], denn das Lübbecker Stadtgericht und das Reineberger Landgericht (Gogericht)[4] wurden in Personalunion von einem Richter verwaltet, was zu Streitigkeiten zwischen der Amtsverwaltung Reineberg und der Stadt Lübbecke geführt hatte. Das richterliche Siegel führte im Feld das Lübbecker Stadtwappen und war umschrieben mit Sigillum judicis Lubbeccensis (Siegel des Lübbecker Richters)[5]. Das Reineberger Gericht war also nicht siegelführend, benutzt wurde das Lübbecker Stadtsiegel. Die Stadt sah sich auch als Siegelverwahrer zum Unwillen des Reineberger Amtmannes, der sich der städtischen Gerichtsgewalt untergeordnet sah.

Die besagte Linde als Spielplatz hatte um 1940 aufgrund ihres Alters einen beträchtlichen Umfang erreicht und war innen hohl, was zu allerhand gefährlichem Unfug einlud. Dazu gehörten Kletterpartien am und im Baum. Verbotenes hat eben immer seinen Reiz, besonders bei Kindern und Jugendlichen. In der NS-Zeit wurde das Burggelände zum Kampfsportplatz für die Hitler-Jugend, wo sich Angreifer und Verteidiger mit Kampfgeheul aufeinander stürzten. Schließlich war es Doktrin der Machthabenden, die Jugend abzuhärten und für die Zukunft kampfbereit zu machen. Die Geschichte der Burg, die 1723 wegen Baufälligkeit abgetragen wurde, geriet allmählich in Vergessenheit. Im Schulunterricht erzählten Lehrer ahnungslos, wie sie waren, Fantasiegeschichten, in denen die besagte Linde am Wall im Mittelpunkt stand, umrankt von irgendwelchen Schauergeschichten. Der Fantasie waren keine Grenzen gesetzt. Es fehlte verlässliche Literatur.

Der Reineberg war im Winter einmal ein idealer Startplatz für eine Rodelpartie. Obwohl 1929 eine Rodelbahn, ausgehend vom Heidbrink, von Mindener Pionieren angelegt worden war, bot sich auch der Reineberg für eine Rodelpartie an, die am nördlichen Waldrande „Im Kuli“[6] endete. 

Zur Frühgeschichte der Burg liegen mehrere Beurkundungen vor.

1221 wird ein „Gerhardus cappelanus de castro in Reineberge“ in einer Zeugenreihe zu einem Rechtsgeschäft des Mindener Bischofs Konrad von Rüdenberg genannt.[7]

1227 ist die Landesburg Ausstellungsort einer Urkunde, in der Bischof Konrad von Rüdenberg dem Kloster Levern das Zehntaufkommen eines Jahres in Haldem verpfändet.[8]

1229 werden folgende Burgmänner auf Reineberg genannt: Rudolf Wolf (lupus), Helembert von Manen, Alexander von Offelten, Lambert , Halt, Rudolf, Heinrich und Meinhard von Beckum.[9]

1251 Gerhard von Offelten ist als erster Drost (Amtmann) auf Reineberg urkundlich bezeugt.[10]

Um die Landesherrschaft der Mindener Bischöfe zu sichern, wurde der Reineberg mit einer Burg besetzt gewesen, deren Anfänge bis in das 12. Jahrhundert zurückreichen. Die zu Burgdiensten verpflichtete Ritter besaßen Burgmannensitze in Lübbecke, die Burgmannshöfe. Davon zeugen heute noch der Burgmannshof am Markt, der 2015/16 unter seinem Eigentümer Karl-Dietrich v. d. Recke renoviert worden war, sowie der ehemalige Hof der Familie von Grappendorf , die heutige Bürgerbegegnungsstätte, mit einem nach Norden ausgerichteten Anbau aus dem Jahre 1846.

An die Landesburg der Mindener Bischöfe auf dem Reineberg mit einem Besitzanteil des Osnabrücker Episkopats erinnern neben schriftlichen Zeugnissen Spuren im Erdreich wie Wall, Graben und Mauerreste sowie die noch heute erkennbare Trennung in Vor- und Hauptburg. Der Höhenunterschied ist auffällig. Ein Zugang zur „Unterwelt“ der Burg wurde inzwischen wegen Unfallgefahr verschlossen. Die heute noch vorhandenen Reste regen die Fantasie an und führten leider auch zu unzulässiger Spurensuche. Der Grundriss der Burg ist heute noch erkennbar und wurde von Friedrich Kohlmeier kartographiert.[11] Es liegt außerdem ein Inventar der Burg aus dem Jahr 1582 vor.[12]

Anschauliches Bildmaterial zum Äußeren der Burg wurde bisher vermisst. Es liegt jedoch eine Skizze vor, die auf den Kartographen Heinrich Zell zurückgeht und die Datierung 1560 trägt.[13] Zell war ein weitgereister Mann, der sich in Deutschland auskannte und mit zeitgenössischen Karten vertraut war. Er selbst dürfte mit einem Skizzenbuch unterwegs gewesen sein. In einer seiner Karten ist auch die mindische Landesburg Reineberg verzeichnet. Sie erscheint  zwar schemenhaft, dürfte aber auf eine persönliche Ansicht oder eine gute Vorlage zurückzuführen sein.

Die Darstellung zeigt die südliche Außenbastion und den nach Westen gelegenen Mauerverlauf und den abfallenden Verlauf zur Ostseite. Deutlich hervor tritt der mächtige Turm auf der Hauptburg. Die Ortsskizze links daneben mit dem überragenden Turm und den bezeichnenden Ecktürmen dürfte auf den Lübbecker Kirchturm und die Stadtmauer verweisen. Die örtliche Bezeichnung, gewöhnlich direkt unter die bildliche Darstellung gesetzt, fehlt. Die Ortsbezeichnung „Witla“ für Wittlage ist seitlich abgesetzt und ohne bildliche Darstellung. Die Lage war bei den beschwerlichen Reisen wahrscheinlich vor Ort nicht genau verzeichnet worden. Grobe Fehler waren unvermeidlich. Burg Reineberg liegt auf der Zell´schen Karte vor dem Wiehengebirge und nicht auf der Bergkuppe. Grob gesehen, stimmt aber die örtliche Situation.

Die Mindener und Osnabrücker Bischöfe verfolgten von der Landesburg Reineberg aus landesherrliche Ziele, wobei sie die Grafen von Tecklenburg und die Edelherrn von Diepholz als heftige Gegner hatten. Im Jahre 1412 eroberte der Mindener Bischof Wulbrand (Amtszeit 1406 – 1436) die Burg, die in die Hände der Grafen von Tecklenburg geraten war, mit Hilfe der Lübbecker Ritter und Bürger zurück. Was die Baufinanzierung und den Unterhalt der Burg betraf, einigten sich Minden und Osnabrück dahingehend, dass Minden über einen Geschäftsanteil von zwei Dritteln und Osnabrück über ein Drittel verfügte. Dass Osnabrück beteiligt war, ist nicht ungewöhnlich. Osnabrück verfügt in und vor Lübbecke über Grundeigentum. Das Kloster Quernheim lag in der Diözese Osnabrück. Die Diözesangrenze zwischen Minden und Osnabrück verlief zwischen Kloster- und Oberbauerschaft. Der Osnabrücker Anteil an der Landesburg Reineberg wurde von Minden verdrängt. Die Burg wandelte sich von einer militärischen Bastion zu einem Verwaltungszentrum im mindischen Amt Reineberg mit den Vogteien Quernheim, Gehlenbeck, Levern, Alswede, Schnathorst und Blasheim.[14]

Die Landesburg war ein beliebtes Pfandobjekt der Landesregierung. Finanzkräftige Personen, gewöhnlich aus dem Ministerialadel, streckten die notwendigen Summe vor, die über die zu erwartenden Einnahmen wieder eingetrieben werden mussten. Die Verpfändungen reihten sich nahtlos aneinander, wie es das folgende Beispiel zeigt. Am 14. April 1449 verpfändete der Mindener Bischof Albrecht von Hoya die Burg für 3.500 rheinische Gulden an Heinrich Wilhelm von dem Wolde und Albert von dem Bussche in der Form, wie sie vorher von Johann und Wilken von Klenke als Pfandobjekt besessen worden war, unter der Bedingung, die Burg zu verwahren, d. h. in einem ordentlichen Zustand zu erhalten, und sie dem Bischof jederzeit offen zu halten, d. h. seinen Zutritt nicht zu verweigern.[15] Im Dreißigjährigen Krieg zeigte sich, dass die Burg militärisch bedeutungslos war. Am 9. September 1640 wurde sie von kaiserlichen Truppen widerstandslos besetzt und geplündert.[16]

Der Mindener Domherr Heinrich Tribbe beschreibt um 1460 die Burganlage[17]. Erwähnt werden Zuweg, Tore, Befestigung, Turm und Gebäude sowie der Reineberger Hagen (indago castri, der Burgbezirk), dessen nördliche Abgrenzung mit der alten Stadtgrenze von Lübbecke vor der Kommunalreform zusammenfiel. Der Burgbezirk ging im ehemaligen Kreis Lübbecke in der Gemeinde Ahlsen-Reineberg, Amt Hüllhorst, auf. Der größte Teil des Burgbezirkes einschließlich der Burganlage nördlich des Eggeweges wurde bei der letzten Kommunalreform 1972/73 dem Stadtbezirk Lübbecke zugeschlagen. Die Lübbecker hatten ihre Burg ohne Kriegshandlung wieder in Besitz genommen.

Lübbecke, 10. Oktober 2018
Verfasser: Stadtchronist Helmut Hüffmann


[1] Am 9. April 1994 wurde auf Anregung von Stadtrat Niedringhaus eine neue Linde gepflanzt. Der alte Baum war altersschwach abgebrochen worden.

[2] Stadtarchiv Lübbecke (zit. StadtAL), A 893, Bl. 57.

[3] Der Fall wurde auch dem Reichskammergericht vorgetragen.

[4] Dem war auch Rahden zugeordnet. Wie Anm. 2, Bl. 92.

[5] Wie Anm. 2, Bl. 16´ und 94.

[6] Abzuleiten vom lateinischen „collis“. Gemeint ist „am Burghügel“. Die Hanglage Lübbeckes bot viele andere Möglichkeiten für den Rodelsport. Beliebt war neben dem Gallenkamp die Schützenstraße und Lindemanns Wiese oberhalb des Friedhofs.

[7] Westfälisches Urkundenbuch VI (zit.: WUB), Nr. 102 und 103.

[8] WUB, 171.

[9] Ebd. 191 u. 192.

[10] Ebd. 549.

[11] Friedrich Kohlmeier, Die Burg Reineberg. In: Mindener Heimatblätter, 1952, Nr. 1/2.

[12] Marianne Nordsiek, Ein Inventarverzeichnis der Burg Reineberg aus dem Jahre 1582. In: Mitteilungen des Mindener Geschichtsvereins , 1972 (44. Jg.).

[13] Datierung etwas versteckt unter der Titelkartusche. In: Mappae Germaniae. Kommentarband, hrsg. von Peter H. Meurer, Bad Neustadt a. d. Saale, 1984, S. 24.

[14] Zur Grundherrschaft s. Hans Nordsiek, Grundherrschaft und bäuerlicher Besitz im Amt Reineberg, Mindener Beiträge 11.

[15] Geschichte der von dem Bussche, 1. Teil, bearbeitet von Gustav von dem Bussche, o. J., Nr. 190.

[16] StadtAL, Stadtbuch, S. 118.

[17] Mindener Geschichtsquellen II, S. 26.

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