Stadt Lübbecke

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Auf die Gesundheit! Die Einweihung des Lübbecker Kreiskrankenhauses vor 35 Jahren

Von Stadtarchivarin Christel Droste

Die Geschichte der Krankenpflege in Lübbecke lässt sich bis mindestens in das Jahr 1363 zurückverfolgen. Damals schenkte Bernd v. Gesmele mit Zustimmung seiner Frau und seiner Erben um ihrer aller Seelenheil willen den Alterleuten und der Bruderschaft „Unserer Lieben Frau“ in Lübbecke einen jährlich zu liefernden Molt Roggen von einem Hof in Husen (Stockhausen?), um ihn zum Nutzen der Armen im „Heiligen Geist“ in Lübbecke zu verwenden. Die Straßenbezeichnung „Geistwall“ gibt bis heute einen Hinweis auf den Standort des Heilig-Geist-Hospitals am östlichen Stadtgraben. Das Hospital wurde von einem Armenvogt geführt, was schon viel über den Zweck des Hauses aussagt. Nur der Magistrat durfte Bedürftige in das Hospital einweisen, das sich lange Zeit überwiegend durch Spenden und Stiftungen sowie durch selbst erarbeitete Güter finanzierte. Die „Insassen“, auch Kinder, mussten durch Mithilfe im Haushalt oder durch Arbeit in der angegliederten Landwirtschaft zum Unterhalt der Einrichtung beitragen. So sollten die Ärmsten der Armen versorgt und Bettelei und Alkoholismus in der Stadt gemindert werden. Die Bewohner des Hauses sollten auf diese Weise nicht nur finanziell unterstützt, sondern auch pädagogisiert werden, indem zum Beispiel ihre Teilnahme an Betstunden und Gottesdiensten angeordnet wurde. Die ärztliche Versorgung der Kranken im Hospital geschah durch den städtischen „Physikus“ in seiner Eigenschaft als Armenarzt. Dieser erhielt für seine Tätigkeit von der Stadt Lübbecke jedoch nur eine pauschale jährliche Bezahlung, was wahrscheinlich dazu geführt haben dürfte, dass er seine Patienten nur mit geringem Ehrgeiz behandelte. Mitte des 18. Jahrhunderts hält der mindische Pfarrer Schlichthaber in seiner Beschreibung der Stadt Lübbecke noch fest: „Auch ist in Lübbke ein Armenhaus zum Geist genand, vor der Oster-Pforte, worinn alte und junge beyderley Geschlechts aufgenommen, mit Kammern, Feuer, Licht und Kleidern versehen, und alle vier hohe Festage mit Fleisch und Brod versorget werden, sie erhalten auch ein Anteil von denen wochentlichen Collecten, die Knaben, so daraus in die Currende gehen, bekommen das Ihrige pro rata, wozu auch die von denen Vorfahren gewidmete legata emploiret werden.“

Mehrfach wechselte das „Krankenhaus“ im 19. Jahrhundert innerhalb der heutigen Altstadt seinen Standort, während das ebenfalls schon seit dem Mittelalter nachgewiesene „sekenhus“, das Siechenhaus (Leprosenhaus), weiterhin außerhalb der Stadt etwa im Bereich des heutigen Garnisonsrings lag. Dort wurden die Leprakranken und auch andere Infizierte während ihrer Quarantäne untergebracht. Sie erhielten zwar die erforderlichen Lebensmittel, um nicht zu verhungern, eine medizinische oder pflegerische Betreuung war jedoch selten gewährleistet.

1830 wurde das Krankenhaus im Wachthaus am Markt untergebracht. Das Gebäude befand sich dort, wo heute der östliche Anbau und der Turm des Alten Rathauses stehen. Nicht eben ermutigend dürfte es für die Armen und Erkrankten gewesen sein, dass ausgerechnet der Totengräber Nolte und dessen Frau für die Pflege und Versorgung der Patienten zuständig war. Auch wenn man bereits im dortigen Krankenhaus Hungersnöte und auch Krankheiten wie die Cholera bekämpft und die Menschen bei Typhus und nach Unfällen behandelt hat, war die Einrichtung mit einem modernen Klinikum heutiger Güte natürlich nicht zu vergleichen.

Eine Verbesserung zeichnete sich erst ab, nachdem der Kreis Lübbecke 1894 die finanziellen Voraussetzungen zum Bau eines Kreiskrankenhauses an der Liemschen Straße (heute Wittekindstraße) geschaffen hatte. Damals hatte eine Pocken-Epidemie den Anstoß zum Bau des Krankenhauses gegeben. Bei der auch „Blattern“ genannten Erkrankung bilden sich eitrige Blasen, die den ganzen Körper und besonders das Gesicht bedecken. Nach dem Ausheilen bleiben häufig hässliche, runde, tiefe Narben zurück. Oft traten früher als Folge der Pockenerkrankung auch Blindheit, Gehörlosigkeit und innere Erkrankungen auf. Nur wer die Krankheit einmal überstanden hatte, wurde immun. Bereits Ende des 18. Jahrhunderts hatte der Engländer Edward Jenner entdeckt, dass Menschen, die an Kuhpocken erkrankt waren, gegen Menschenpocken immun waren. Und er setzte, trotz heftiger Proteste der englischen Ärzte, seine Forschungen fort. Schon wenige Jahre später hatte die Pockenschutzimpfung, bei der die Bevölkerung mit Kuhpocken geimpft wurde, ihren Siegeszug in Europa und Übersee angetreten. In England allerdings schlug Jenner immer wieder strikte Ablehnung entgegen. Selbst in den kleinsten Dörfern kursierten Karikaturen über die Pockenimpfung. Die Folge davon war, dass zahllose Menschen in England ernstlich glaubten, ihre Kinder bekämen durch die Impfung mit Kuhpocken kuhähnliche Gesichter. Das Phänomen, dass Menschen derart aberwitzige Vorstellungen zu bestimmten schweren Erkrankungen und deren möglicher Behandlung von sich geben, hält sich erschreckender Weise bis heute, wie die Corona-Pandemie zeigt.

Nach vielen Planungen und Überlegungen zur Finanzierung des Kreiskrankenhauses wurde schließlich 1897 das Kreiskrankenhaus Lübbecke durch Pastor v. Bodelschwingh eingeweiht. Es verfügte damals immerhin schon über 50 Betten. Auch in diesem Haus fühlte man sich der Armenpflege verpflichtet. Einige der „Pfleglinge“, wie die Betreuten genannt wurden, hatten ihr ständiges Obdach im Krankenhaus. Auch hier versorgten die Bewohner das zum Haus gehörende Vieh, wurden zu Garten- und Botendiensten herangezogen und verrichteten Hausarbeiten, um so zu ihrem Lebensunterhalt beizutragen.

Das Renommee des Hauses war von Anfang an sehr gut. Die dort geleistete Arbeit und die steigende Bevölkerungszahl im Kreise Lübbecke hatte zur Folge, dass die Bettenkapazität schon wenige Jahre nach der Eröffnung des Kreiskrankenhauses Lübbecke erschöpft war. Mehrfach fanden Anbauten statt. Dabei ist das Krankenhaus immer wieder modernisiert worden. Schließlich konnte es dennoch aus medizinischer, arbeitstechnischer und wirtschaftlicher Sicht in den bestehenden Räumlichkeiten nicht mehr vernünftig geführt werden. Deshalb beschloss der Kreistag des damaligen Kreises Lübbecke Ende der 1960er Jahre, für das bestehende Krankenhaus einen Ersatzbau zu errichten. Die Landeskrankenhauskommission des Landes Nordrhein-Westfalen (NRW) stimmte dem zu. Da die Krankenhausplanung Ländersache ist, wurden die medizinische und die technische Ausrichtung des Hauses, die Bettenzahl und auch seine Größe vom Land NRW vorgegeben. Die Grundsteinlegung für das neue Kreiskrankenhaus an der Virchowstraße erfolgte am 1. September 1979, das Richtfest am 7. Oktober 1981.

Schließlich konnten die Einladungen zur Einweihung des neuen Kreiskrankenhauses in Lübbecke verschickt werden. Darin hieß es: „Nach einer Bauzeit von 5 Jahren und 7 Monaten ist das neue Krankenhaus in Lübbecke, Virchowstraße 2, fertiggestellt. Der Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen, Prof. Dr. Friedhelm Farthmann, wird das Krankenhaus am Sonnabend, dem 27. April 1985, nachmittags 16.00 Uhr, seiner Bestimmung übergeben.“

Zum Zeitpunkt der Einweihung war der aufwändig geplante Umzug der Patientinnen und Patienten bereits vollzogen. In einer eindrücklichen Aktion waren sie am 19. März vom Krankenhaus an der Wittekindstraße in das neue Gebäude gefahren worden. Die Stadtchronik weiß zu berichten, dass etwa 140 Kranke transportiert werden mussten. Tatkräftige Hilfe leisteten das Deutsche Rote Kreuz und die Johanniter-Unfall-Hilfe. Am darauf folgenden Sonntag konnte unter Leitung von Superintendent Tegeler im neuen Kreiskrankenhaus der erste Gottesdienst gefeiert werden. Zur Freude vieler Patienten wurde bereits diese erste Andacht auf die Fernseher in den Krankenzimmern übertragen.

Am 27. April 1985 waren in der Eingangshalle dann etwa 450 Personen dabei, als das Krankenhaus seiner Bestimmung übergeben wurde. Nach der Begrüßung durch Landrat Heinrich Borcherding und Musikstücken einer Bläsergruppe aus dem Kirchenkreis Lübbecke hielt der aus Bad Oeynhausen gebürtige Minister Farthmann den Festvortrag. Er wies nicht nur darauf hin, dass die Gynäkologie nun hauptamtlich besetzt worden sei, sondern auch auf die neu eingerichtete Urologie und ganz besonders auf die erstmals integrierte psychiatrische Abteilung. Damit, so Farthmann, verwirkliche der Kreis Minden-Lübbecke eine „moderne und zukunftsweisende Konzeption“. Aber auch zu den Kosten für den Baukomplex äußerte er sich. Nach seinen Aussagen seien ursprünglich Gesamtkosten in Höhe von 129 Mio. DM eingeplant worden. Tatsächlich hätten sie sich 1985 bereits auf 191 Mio. DM belaufen. Als Gründe für die Kostenexplosion nannte Farthmann neben der allgemeinen Kostenentwicklung auch den hohen medizin-technischen Fortschritt.

Der Leitende Chefarzt des Hauses, Prof. Dr. med. Michael Poll, stellte danach das Lübbecker Krankenhaus detailliert vor, ehe Grußworte gesprochen wurden und Oberkreisdirektor Dr. Rolf Momburg die Dankes- und Schlussworte übernahm. Laut Stadtchronik drückten alle Redner die Zuversicht aus, dass „in diesem medizinisch-technisch gut ausgerüsteten Hause viele Menschen Heilung finden möchten. In einigen Reden wurde auch der Hoffnung Ausdruck gegeben, dass über die technischen Apparaturen und das medizinische Wissen hinaus Zuwendung und Liebe entscheidende Voraussetzungen für Pflege und Heilung bleiben möchten. Die Schlüsselübergabe erfolgte durch Dipl.-Ing. Vehling an den Hausherrn Prof. Poll. Die Einweihung klang aus mit dem gemeinsamen Choral ‚Nun danket alle Gott‘.“

In einer eigens aufgelegten Festschrift zur Einweihung des neuen Kreiskrankenhauses Lübbecke hielt Momburg fest, das Krankenhaus verfüge über je eine Station für Chirurgie und Innere Medizin mit jeweils 100 Betten, eine Urologie mit 32 Betten sowie eine Station für Frauenheilkunde mit 40 Betten und zusätzlich über 22 Betten im Bereich der Geburtshilfe. Für die Belegabteilungen der Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde standen 10 Betten, für die Augenheilkunde weitere 6 Betten zur Verfügung. Die Psychiatrie hatte eine Kapazität von 195 Betten. Insgesamt war das Kreiskrankenhaus Lübbecke demnach auf 505 Betten ausgelegt. Zu den genannten Stationen kamen die Fachabteilungen für Anästhesie, Radiologie und Nuklearmedizin sowie die Zentralapotheke. Jede Abteilung stellte ihre Tätigkeit in der Festschrift vor. Ergänzt wurden die Ausführungen durch allgemeine Hinweise in einer Patientenbroschüre. Durch diese Handreichung konnten sich die Patienten mit den modernen Neuerungen des Krankenhauses vertraut machen. Neuzugänge erfuhren so unter anderem, dass man durch einen am Nachtschrank befestigten „Hörschlauch“ kostenlos das Radioprogramm wahrnehmen könne, die Nutzung des Fernsehapparates im Krankenzimmer jedoch gebührenpflichtig sei. Besonders hervorgehoben wurde auch die Möglichkeit, das Pflegepersonal durch eine Klingel am Nachttisch über die „zentrale Schwesternrufanlage“ herbeizurufen. Gleichzeitig wurde aber ausdrücklich gemahnt: „Für Ihre Pflege sind Krankenschwestern und Krankenpfleger zuständig. Sie werden sich nach Kräften um Sie bemühen. Haben Sie jedoch bitte Verständnis dafür, wenn sie nicht immer allen Ihren Wünschen gerecht werden. Zu Ihrer Genesung tragen Sie selbst mit bei, wenn Sie die ärztlichen und pflegerischen Anordnungen genau beachten.“ Neben den Pflegekräften konnten auch 1985 bereits die „Grünen Damen“ um Hilfe gebeten werden, wenn beispielsweise kleine Botengänge anstanden oder ein Gesprächspartner fehlte. Auch Hinweise zur Krankenhausseelsorge fanden sich in dem Hinweisblatt. Die Angebote von Cafeteria und Kiosk sowie von Frisör und Blumengeschäft wurden ebenfalls gelobt. Die allgemeine Besuchszeit war auf 15.00 bis 19.00 Uhr begrenzt und die Mahlzeiten wurden nur in Ausnahmefällen auf den Zimmern verteilt. Patienten, die nicht bettlägerig waren, nahmen ihre Mahlzeiten gemeinsam in den Speiseräumen der jeweiligen Station ein. Telefongespräche konnten von den beiden öffentlichen Fernsprechern im Eingangsbereich der Klinik und im Sozialzentrum der Psychiatrie geführt werden, sofern man nicht das auf jedem Zimmer vorhandene Telefon mieten wollte. Kurzum, das Kreiskrankenhaus Lübbecke bot 1985 eine hochmoderne soziale Infrastruktur und war ein Gewinn für das Lübbecker Land. Seit damals hat das Kreiskrankenhaus Lübbecke sowohl personell als auch von seiner administrativen und baulichen Gliederung, seiner Nutzung und seinem Angebot her zahlreiche Veränderungen erlebt. Die hohe und verlässliche Einsatzbereitschaft der dort Tätigen sowie das breit gefächerte Angebot des Krankenhauses bietet den Menschen im Altkreis Lübbecke dadurch bis heute eine kompetente und zeitgemäße medizinische Versorgung vor Ort. Möge das so bleiben – nicht nur in Zeiten von Corona. Und mögen die Patientinnen und Patienten auch 2019 nicht vergessen, dass sie selbst für ihre Gesunderhaltung mitverantwortlich sind. Also: Auf die Gesundheit!

Autor: Stadtarchivarin Christel Droste 

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