Glaube in der Verfolgung - Religiöse Gemeinschaften in der Zeit des Nationalsozialismus
Weg der Erinnerung am 9. November 2023
Wer sich mit den NS-Vorstellungen zu Glaube und Religion beschäftigt, muss den Blick mindestens bis in die 1920er Jahre zurückrichten. Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg und der Hyperinflation war die junge Demokratie der Weimarer Republik einer schweren Bewährungsprobe ausgesetzt. Bürgerkriegsähnliche Zustände drohten. Große Teile der Bevölkerung gingen auf Konfrontationskurs zur demokratischen Reichsregierung unter Gustav Stresemann. Selbst ernannte Verkünder politischer „Heilslehren“ hatten Hochkonjunktur und überboten sich geradezu mit reißerischen Parolen.
Einer von ihnen war Adolf Hitler. Die rechtsgerichtete NSDAP konzentrierte sich zunächst auf die bayerische Landeshauptstadt München. Mit Hilfe der Sturmabteilung (SA) und bewaffneter Einwohnerwehren unternahm Hitler am Abend des 8. November 1923 gemeinsam mit Erich Ludendorff einen Putschversuch. Hitler rief die „Nationale Revolution“ aus und erklärte die bayerische und auch die Reichsregierung für abgesetzt. Am Morgen des 9. November marschierten – Hitler und Ludendorff voran – mehrere Tausend Protestlerìnnen und Protestler zum Teil schwer bewaffnet zur Feldherrenhalle.
Dort gelang es der Polizei, den Putsch mit Waffengewalt zu beenden. Der Umsturzversuch war gescheitert. In der Folge wurde Hitler verhaftet und die NSDAP reichsweit verboten. Wegen Hochverrats wurde Hitler zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt. Die (verkürzte) Haftzeit nutzte er dazu, sein Pamphlet „Mein Kampf“ zu schreiben. Der Putsch wurde von der NS-Propaganda ab 1933 reichsweit zu jährlichen pompösen Gedenkfeiern für die „Helden der Bewegung“ genutzt.
Die NSDAP präsentierte sich als Partei, deren Weltanschauung zwar im weitesten Sinne christlich geprägt aber konfessionell ungebunden sei. Deshalb gab es schon bald zahlreiche Kirchenaustritte von Parteimitgliedern. Seit 1936 wurde von den Meldebehörden bei jenen Menschen, die der Evangelischen oder Katholischen Kirche durch Austritt den Rücken gekehrt hatten, „gottgläubig“ als Religionszugehörigkeit eingetragen. Meist handelte es sich dabei um Personen mit großer ideologischer Nähe zur NSDAP.
Die später auch bei Hitler wiederkehrenden typischen völkisch-rassistischen Überzeugungen verstanden „Religion“ denn auch als eine Art Weltanschauung: Gemeinnutz vor Eigennutz, d. h. die „deutsche“ und „arische“ Gesellschaft, oft als „Volksgemeinschaft“ bezeichnet, sollte oberste Priorität haben. Hitler selbst wurde in der Propaganda zunehmend mythisch überhöht als „Heilsbringer“ und „Erlöser“. Damit wurde er quasi „gottgleich“, angeblich unbesiegbar und von vielen als vermeintlicher „Superheld“ gefeiert.
Zur Zeit des Nationalsozialismus gehörten die meisten Menschen im damaligen Kreise Lübbecke der evangelischen Kirche an. Die katholische Kirche war, ebenso wie die jüdische Gemeinde, in der Minderheit. Hinzu kamen mehrere weitere Glaubensgemeinschaften wie die Zeugen Jehovas oder die sogenannte „Freytagsgemeinde“. Moslems lebten seinerzeit nach bisherigem Kenntnisstand noch nicht in Lübbecke.
Der „Weg der Erinnerung“ 2023 zeigt, welche Auswirkungen die NS-Ideologie und -Gesetzgebung für die Ausübung des Glaubens hatte. An die Ausgrenzung, Flucht, Verfolgung, Deportation und Ermordung der jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger wird ebenso erinnert wie an die Aufsplittung der evangelischen Kirche in die Bekenntnisbewegung und die Deutschen Christen, an das Reichskonkordat und dessen Auswirkungen auf die katholische Kirche in Lübbecke sowie auf die Ereignisse in anderen Glaubensgemeinschaften hier vor Ort.
Die Veranstaltung wurde gestaltet von Schülerinnen und Schülern der Stadtschule, des Wittekind-Gymnasiums und des Berufskollegs. Beginnend im Gemeindehaus der katholischen Kirchengemeinde am Niederwall, führte der gemeinsame Weg über den Wappenplatz in der Langen Straße und den Marktplatz zum Platz der Synagoge.