Stadt Lübbecke

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Weg der Erinnerung

Lübbecke gedenkt des Schicksals seiner jüdischen Bevölkerung in der dunkelsten Stunde der deutschen Geschichte

Schlimmer als Pest und Cholera!

Ein kurzer Ausblick auf den „Weg der Erinnerung“ am 9. November 2021

Das Miteinander von christlicher und jüdischer Bevölkerung in der Stadt Lübbecke hat im Laufe der Jahrhunderte wechselvolle Zeiten erlebt:

Seit 1096 hatten zahlreiche Kreuzzüge die christliche Bevölkerung in einen religiösen Taumel versetzt. So schwankten die Menschen zwischen der Überzeugung, das Ende der Welt und damit das Jüngste Gericht stünden kurz bevor und der Angst vor der um 1350 grassierenden Pestpandemie. Dass die Krankheit vor allem durch Rattenflöhe verbreitet wurde, war damals noch nicht bekannt. Auf der Suche nach einem vermeintlich Schuldigen für die Misere beschuldigte man unbegründeter Weise die jüdische Bevölkerung, Hostien geschändet, Kinder ermordet und Brunnen vergiftet zu haben. In der Folge kam es 1350 vielerorts zu Judenpogromen, leider auch in Lübbecke, wie der Peststein über dem Nordportal der St.-Andreas-Kirche Lübbecke bezeugt.

Cholera wird durch verunreinigtes Trinkwasser und verseuchte Nahrung, in seltenen Fällen auch durch direkten Kontakt zu Erkrankten übertragen. Nachdem die Krankheit im 18. und beginnenden 19. Jahrhundert vor allen Dingen die Bevölkerung in Indien dahingerafft hatte, wütete sie ab etwa 1830 auch in Europa. Bald darauf gab es auch im Lübbecker Land erste Krankheitsfälle. Während die eigentlich zur Behandlung verpflichteten Ärzte christlichen Glaubens die Behandlung umgingen, stand der jüdische Arzt Dr. Herzberg aus Preußisch Oldendorf den Erkrankten und ihren Familien vorbildlich zur Seite.

Zur Zeit des Nationalsozialismus griff die von der Partei propagierte „Rassenhygiene“ ebenfalls wie eine Seuche um sich. Immer mehr Menschen wurden von der NS-Ideologie angesteckt und übernahmen sie in ihr tägliches Leben. Eine der Folgen war, dass vermeintlich „lebensunwertes Leben“ ausgelöscht werden sollte. Auch im Lübbecker Land wurden während der NS-Zeit „Maßnahmen zur Geburtenverhütung“ ergriffen, indem etliche Behinderte zwangsweise ärztlich untersucht und dann ohne deren Einwilligung sterilisiert wurden. Familien mussten zudem damit rechnen, dass ihre geistig oder körperlich eingeschränkten Angehörigen mit Unterstützung von Ärzten, Pflegekräften und Verwaltungsbeamten ermordet wurden. Dazu kam die unsinnige Selbstbezeichnung der Nationalsozialisten, die sich als Angehörige der „arischen Rasse“ proklamierten. Gleichzeitig verunglimpften sie unter anderem Juden als „Nichtarier”. Entsprechend nutzte die NSDAP den Begriff, um zu definieren, dass angebliche „Nichtarier“ nicht der deutschen Gesellschaft angehörten und demzufolge ebenfalls minderwertig seien. Als sichtbares Zeichen ihres Zerstörungswillens ließen die Nationalsozialisten in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 in Deutschland die meisten Synagogen mutwillig anstecken. Auch in Lübbecke wurde das jüdische Gotteshaus durch Brandstiftung vollständig zerstört. Wohn- und Geschäftshäuser der jüdischen Bevölkerung wurden demoliert. So erwies sich die NS-Zeit tatsächlich als noch viel schlimmer als Pest und Cholera.

Die Geschichte der jüdischen Gemeinde Lübbecke und der "Weg der Erinnerung"

Quellen zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Lübbecke führen bis ins Mittelalter zurück. Steinernes Zeugnis ist der sogenannte "Peststein" am Nordportal der heute evangelischen St.-Andreas-Kirche. Er verweist auf die Erweiterung der Kirche bis 1350 sowie auf die damals herrschenden Zeitumstände (Pest, Geißler, Judenpogrom).

Später gab es über Jahrhunderte hinweg häufig ein harmonisches Zusammenleben zwischen Christen und Juden in der Stadt.
1932 gehörten der jüdischen Gemeinde Lübbecke noch etwa 40 Gemeindeglieder an. Im Frühjahr 1938 war die Zahl durch Sterbefälle und Wegzüge um etwa 10 Personen gesunken. Nach dem Novemberpogrom in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, bei dem mehrere Wohnhäuser jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger zerstört wurden und die Synagoge niederbrannte, sank die Zahl weiter. Letzte Zwangsverkäufe („Arisierungen“), Umzüge Lübbecker Jüdinnen und Juden innerhalb Deutschlands und Fluchten ins Ausland fallen in diese Zeit. Spätestens Anfang 1942 galt Lübbecke nach damaligem Sprachgebrauch als „judenrein“.

1961 wurde ein Gedenkstein am „Platz der Synagoge“ eingeweiht. Eine intensive Erinnerungskultur und damit die Aufarbeitung der Gräuel der NS-Zeit setzte jedoch erst zögerlich ein. So engagierte sich beispielsweise der DGB mit jährlichen Kranzniederlegungen am Gedenkstein. Im Zuge der Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus gründete sich Mitte der 1980er Jahre die Arbeitsgemeinschaft „Geschichte der Juden in Lübbecke“. Mit personeller und finanzieller Unterstützung der Stadt Lübbecke entstanden mehrere Publikationen über die Geschichte und das Schicksal der hiesigen jüdischen Gemeinde. Auch fanden auf Einladung der Stadtverwaltung Treffen ehemaliger jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger bzw. derer Nachkommen in Lübbecke statt. In ihrem Beisein konnte 1986 vor dem Gedenkstein noch eine Bodenplatte mit den Namen der betroffenen jüdischen Familien eingeweiht werden.

Es entwickelte sich das Anliegen der Bevölkerung, jährlich am 9. November in einer Gedenkveranstaltung an die Opfer des NS-Terrors zu erinnern. Diese inzwischen als „Weg der Erinnerung“ bekannte Veranstaltung unter Federführung der Stadt Lübbecke bindet heute neben dem DGB u. a. auch die Stadtheimatpflege, die Ev.-luth. und die Kath. Kirchengemeinde der Kernstadt und die weiterführenden Schulen ein.

Das Thema für den jährlichen „Weg der Erinnerung“ wird im gemeinsamen Vorbereitungskreis festgelegt und von den beteiligten Schulklassen vorbereitet. Die Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Thema erfolgt dabei unter archivpädagogischer Betreuung durch das Stadtarchiv. Dadurch wird den beteiligten Schülerinnen und Schülern ein persönlicher Zugang zu dieser erschütternden Zeit der deutschen Geschichte und der Lokalgeschichte ermöglicht. Zudem kann vermittelt werden, welche Chancen eine aktive Einbindung in die gesellschaftlichen Belange und eine mündige Bürgerschaft bieten. So greift der „Weg der Erinnerung“ das auf, was die Bodenplatte am „Platz der Synagoge“ fordert.

Neben dem Gedenkstein, der Bodenplatte und dem „Weg der Erinnerung“ gibt es in Lübbecke über das Stadtarchiv und die Angebote von Lübbecke Marketing noch weitere Angebote, sich mit der Geschichte der jüdischen Gemeinde Lübbecke und der NS-Zeit auseinanderzusetzen.

Kontakt

Frau Christel Droste »
Dezernat 1 | Hauptverwaltung
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